Die Nordägäischen Inseln liegen dicht vor der türkischen Küste und zählen zu den am wenigsten überlaufenen Inselgruppen Griechenlands. Lesbos, Chios, Samos, Ikaria und Limnos sind groß genug für eigene Gebirge, Weinbaugebiete und Hafenstädte, die auch im Winter bewohnt bleiben. Du reist hierher wegen Mastix, Ouzo, heißen Quellen und leeren Kiesbuchten, nicht wegen einer Postkartenkulisse.
Die Nordägäis ist keine kompakte Inselgruppe, sondern eine Kette großer Inseln, die sich über gut 250 Kilometer Luftlinie von Limnos im Norden bis Ikaria im Süden zieht. Lesbos ist mit rund 1.630 Quadratkilometern die drittgrößte Insel Griechenlands, Chios und Samos folgen mit rund 840 und 480 Quadratkilometern. Alle fünf Hauptinseln haben einen eigenen Flughafen mit Inlandsverbindungen nach Athen, dazu fahren Fähren aus Piräus, die je nach Ziel und Schiff sieben bis zwölf Stunden brauchen. Der Charakter unterscheidet sich deutlich von den Kykladen: Statt weiß gekalkter Würfelhäuser prägen Kiefernwälder, Olivenhaine, Steindörfer und neoklassizistische Hafenstädte das Bild. Die Hauptsaison ist kurz und konzentriert sich auf Juli und August, in denen vor allem griechische Familien und Rückkehrer aus der Diaspora anreisen. Mai, Juni, September und Oktober eignen sich zum Baden und Wandern, im Winter werden Flugplan und Fährverkehr spürbar ausgedünnt.
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Chios
Chios liegt wenige Kilometer vor der türkischen Küste und ist die einzige Gegend der Welt, in der Mastix, das Harz des Mastixstrauchs, traditionell gewonnen wird.
Limnos liegt im Norden der Ägäis, etwa auf halbem Weg zwischen dem Berg Athos und der türkischen Küste. Die Insel ist vulkanischen Ursprungs, aber nur hügelig: Statt hoher Berge prägen Getreidefelder, Weingärten, Salzseen und Dünen das Bild.
Samos liegt an der engsten Stelle keine zwei Kilometer von der türkischen Küste entfernt und gilt als eine der grünsten Inseln der Ägäis. Auf knapp 480 Quadratkilometern liegen hier das UNESCO-Welterbe Pythagoreion und Heraion, der 1.434 Meter hohe Kerkis und die Weinterrassen, auf denen der süße Muskat von Samos wächst.Du kommst wegen der Antike, der Bergdörfer am Ambelos und der Kieselbuchten an der Nordküste. Die Insel ist groß genug für eine Woche, ohne dass sich Wege wiederholen.
Sehenswürdigkeiten in Nordägäische Inseln
Entdecke die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und Attraktionen
Mytilini auf Lesbos
Mytilini ist Hauptstadt von Lesbos und hatte 2021 rund 33.500 Einwohner. Über dem Hafen liegt die Burg, die als eine der größten Festungsanlagen des Mittelmeerraums gilt: byzantinisch gegründet, ab 1373 von der genuesischen Familie Gattilusio ausgebaut und nach der osmanischen Eroberung 1462 weiter befestigt.In der Stadt stehen neoklassizistische Kaufmannshäuser aus der Zeit des Handels mit Kleinasien, dazu die Kuppelkirche Agios Therapon an der Uferpromenade. Das Archäologische Museum zeigt römische Mosaiken, darunter den Boden aus dem „Haus des Menander“, das Theophilos-Museum in Varia die Bilder des Volksmalers Theophilos Hatzimihail.Der Hafen ist Anlaufpunkt der Fähren aus Piräus und Ausgangspunkt der Busse in den Westen der Insel. Die Ouzerien an der Promenade füllen sich erst am späten Nachmittag.
Das Kloster Nea Moni liegt rund 15 Kilometer westlich von Chios-Stadt in den Bergen und gehört seit 1990 zum UNESCO-Welterbe. Gegründet wurde es im 11. Jahrhundert unter Kaiser Konstantin IX. Monomachos, dessen Hofwerkstatt die Mosaiken der Hauptkirche ausführte. Sie zählen zu den wichtigsten Zeugnissen mittelbyzantinischer Kunst und zeigen Kreuzigung, Auferstehung und Heiligenreihen auf Goldgrund.Ein Erdbeben zerstörte 1881 die Kuppel und den Glockenturm, Teile der Mosaiken blieben erhalten. Im Beinhaus am Eingang liegen die Gebeine von Opfern des Massakers von 1822. Die Zufahrt führt über eine kurvige Bergstraße, mit dem Bus ist das Kloster nur schwer erreichbar. Schulterfreie Kleidung ist nicht gestattet, mittags gilt eine längere Schließzeit.
Pyrgi im Süden von Chios ist eines der größten Mastixdörfer und fällt durch seine Fassaden auf: Die Technik heißt Xysta, dabei wird dunkler Putz mit weißem Kalk überzogen und das Muster anschließend herausgekratzt. Fast jedes Haus am Hauptplatz trägt geometrische Dreiecke, Rauten und Zickzackbänder. Wie die anderen Mastixdörfer war Pyrgi als geschlossene Wehrsiedlung angelegt, die äußeren Häuserreihen bildeten die Mauer.Nahe der Platia steht die kleine Kirche Agioi Apostoloi, vermutlich aus dem 15. Jahrhundert und die älteste der Dorfkirchen. Im Spätsommer trocknen die Mastixernten in Höfen und auf Dachterrassen. Parken lässt sich nur am Ortsrand.
Im vulkanisch geprägten Westen von Lesbos stehen und liegen Baumstämme, die vor rund 20 Millionen Jahren von Aschenströmen verschlossen und mineralisiert wurden. Erhalten sind nicht nur Stämme, sondern auch Wurzelteller und Jahresringe, was den Fundort weltweit ungewöhnlich macht. Das Gebiet gehört zum UNESCO Global Geopark Lesvos Island.Ausgangspunkt ist das Naturhistorische Museum in Sigri, das die Entstehung erklärt und einen eigenen Park mit freigelegten Stämmen betreibt. Weitere Fundstellen liegen bei Bali Alonia und entlang der Straße nach Antissa. Von Mytilini brauchst du gut zwei Stunden Fahrt, Schatten gibt es unterwegs kaum.
Der Eupalinos-Tunnel oberhalb von Pythagoreio wurde im 6. Jahrhundert vor Christus unter dem Tyrannen Polykrates gegraben, um Wasser durch den Berg Kastro in die Stadt zu leiten. Der Stollen ist rund 1.036 Meter lang und wurde von beiden Seiten gleichzeitig vorgetrieben, die beiden Mannschaften trafen sich in der Mitte mit geringer Abweichung. Herodot beschrieb den Bau als eines der großen Werke der Griechen.Ein Teil des Tunnels ist heute begehbar, an engen Stellen musst du dich bücken. Die Anlage gehört zusammen mit dem Hafen von Pythagoreio und dem Heraion zum UNESCO-Welterbe. Die Besucherzahl pro Zeitfenster ist begrenzt.
Das Heraion war das zentrale Heiligtum der Göttin Hera und in der Antike über eine heilige Straße mit der Stadt Samos verbunden. Der große Tempel des 6. Jahrhunderts vor Christus gehörte zu den größten Bauten der griechischen Welt, von ihm steht heute nur noch eine einzelne wieder aufgerichtete Säule.Erhalten sind Fundamente von Altar, Tempeln und Weihegeschenken, dazu Reste der Prozessionsstraße. Viele Funde, darunter eine kolossale Kouros-Statue, stehen im Archäologischen Museum in Vathy. Das Gelände liegt flach am Meer bei Ireo, rund sechs Kilometer westlich von Pythagoreio, und bietet keinen Schatten.
Die Taverne im Bergdorf Profitis Ilias auf Samothraki war früher das Kafeneio des Dorfs. Spezialität ist Zicklein vom Spieß, daneben gibt es Gegrilltes, Salate und Dips, zum Abschluss Joghurt mit hausgemachter Konfitüre.
Die familiengeführte Taverne liegt ebenfalls in Profitis Ilias, die Tische stehen im Freien unter Weinranken mit Blick auf die Ägäis. Spezialität ist langsam geschmortes Ziegenfleisch, dazu gibt es Schwein, Würste, gegrillten Käse und Tsipouro.
Die Taverne liegt im Bergdorf Theologos, dem früheren Hauptort von Thasos, und ist für ihr Lamm bekannt. Dazu kommen Käsekroketten, Tzatziki und Tyrosalata, der Garten blickt ins Grüne und auf das Dorf.
Die Nordägäis lebt von Produkten, die es nur hier gibt und die zum Teil geschützte Herkunftsbezeichnungen tragen. Fisch spielt eine Rolle, viel prägender sind aber Harz, Anis, Muskat und Ziegenkäse.
Mastix von Chios
Das Harz des Mastixstrauchs wird nur im Süden von Chios gewonnen und trägt eine geschützte Ursprungsbezeichnung. Du findest es als Kaugummi, Likör, Gebäck und Eis, außerdem in Apotheken als Magenmittel. In den Mastixdörfern verkaufen Genossenschaftsläden die Ernte direkt, der Geschmack ist harzig und leicht bitter.
Ouzo aus Plomari
Der Süden von Lesbos ist das wichtigste Ouzo-Zentrum Griechenlands, mehrere Brennereien arbeiten seit dem 19. Jahrhundert in und um Plomari. Der Anisschnaps wird zu Mezedes getrunken, nicht als Digestif. Mehrere Betriebe bieten Führungen an, in den Tavernen wird er karaffenweise serviert.
Muskat von Samos
Samos ist für seinen weißen Muskateller bekannt, der an Terrassen bis auf 800 Meter Höhe wächst. Die Genossenschaft in Vathy keltert süße und trockene Varianten. Der süße Samos Vin Doux begleitet traditionell Nachtisch, der trockene passt zu Fisch.
Kalathaki Limnou
Der Schafskäse von Limnos reift in kleinen Binsenkörbchen, die ihm sein Rillenmuster geben, und trägt ebenfalls eine geschützte Herkunftsbezeichnung. Er ist salzig und fest, gut zum Grillen. Dazu passt der Muskat der Insel, der auf vulkanischem Boden wächst.
Soufiko von Ikaria
Das ikarische Gemüsegericht aus Auberginen, Zucchini, Paprika und Tomate wird langsam in Olivenöl geschmort und lauwarm gegessen. Es steht sinnbildlich für die Küche der Insel, die viel Gemüse, Hülsenfrüchte und Wildkräuter und wenig Fleisch kennt. Ziege gibt es dafür bei den Panigyria.
Kulturelles Erbe der Nordägäis
Viele Herrschaften, eine InselgruppeDie Nordägäis lag jahrhundertelang an der Nahtstelle zwischen Ost und West, und jede Herrschaft hat Spuren hinterlassen. Aus der Antike stammen das Heraion und der Eupalinos-Tunnel auf Samos, die zusammen mit Pythagoreio seit 1992 UNESCO-Welterbe sind. Byzanz hinterließ auf Chios das Kloster Nea Moni mit Mosaiken aus dem 11. Jahrhundert, seit 1990 ebenfalls Welterbe. Unter genuesischer Herrschaft wurden die Mastixdörfer im Süden von Chios befestigt, die Osmanen prägten bis 1912 Verwaltung, Bäder und Moscheen in Mytilini und Chios-Stadt. 1912 kamen die Inseln zu Griechenland, die Folgen des Bevölkerungsaustauschs von 1923 sind in vielen Dörfern bis heute Thema.Feste, Musik und HandwerkDas Inselleben folgt weniger dem Tourismuskalender als den Panigyria, den Festen der Schutzheiligen. Auf Ikaria ziehen sie sich über den ganzen Sommer und dauern oft bis in den Morgen, mit Ikariotikos-Tänzen, Ziegenfleisch und lokalem Wein. Auf Chios steht das Osterfest in Vrontados für den Rouketopolemos, bei dem sich zwei Kirchengemeinden mit selbstgebauten Raketen beschießen. Auch das Handwerk lebt weiter: Die Mastixgewinnung auf Chios steht seit 2014 auf der UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes, dazu kommen Ouzobrennerei in Plomari, Keramik in Agiasos und Weinbau auf Samos und Limnos. Den Alltag siehst du am besten morgens auf dem Markt der jeweiligen Inselhauptstadt.
Vor Ort unterwegs
Zwischen den InselnDie Nordägäis ist keine Gruppe zum Inselhüpfen im Tagesrhythmus. Die Hauptfährlinie verbindet Piräus mit Chios, Mytilini und Samos, Limnos erreichst du über Lavrio, Kavala und Thessaloniki. Zwischen Samos und Ikaria sowie zwischen Chios und Lesbos gibt es regelmäßige Verbindungen, andere Kombinationen fahren nur an wenigen Tagen pro Woche. Plane lieber zwei Inseln pro Reise und prüfe die Fahrpläne kurz vor Abfahrt, da sie saisonal wechseln. Von Chios, Lesbos und Samos setzen Boote in die Türkei über, nach Çeşme, Ayvalık und Kuşadası.Auf der InselOhne eigenes Fahrzeug bleibt vieles unerreichbar. Die KTEL-Busse verbinden Hauptstadt und größere Dörfer, fahren aber oft nur ein- bis zweimal täglich und am Wochenende seltener. Mietwagen und Roller gibt es in allen Inselhauptstädten und an den Flughäfen, in der Hochsaison lohnt eine Buchung vorab. Die Straßen sind asphaltiert, aber oft schmal und kurvig, für die Bergdörfer von Lesbos oder den Westen von Ikaria solltest du reichlich Zeit einplanen. Taxis warten am Hafen und am Flughafen.